Leseprobe
      

Donnerstag, 8. März

Für Mona Ettinghaus war dieser Donnerstagmorgen alles andere als ein ganz normaler, war er doch der letzte in ihrem
Leben, das gerade mal 43 Jahre lang gedauert hatte. Seit elf Tagen galt die Geschäftsführerin des Ettinghaus-Verlages
nunmehr als vermisst. Daran hatten weder die beinahe Rundum-die-Uhr-Ermittlungen des LKA Berlin noch die guten
Beziehungen der einflussreichen Unternehmerfamilie Ettinghaus etwas ändern können. Anfangs war der schwerreiche Verlegerclan – genau wie Kriminalhauptkommissar Frank Schütte – davon ausgegangen, dass das prominente Familienmitglied Opfer einer Entführung geworden war. Monas schwarzer Nobel-Geländewagen war auf einem Restaurant-Parkplatz in unmittelbarer Nähe des Lehnitzsees, etwa zehn Kilometer nördlich von Berlin, aufgefunden worden. Ihre Krokotasche, das Handy und ein paar Akten waren im versperrten Wagen gelegen. Eine Lösegeld-forderung war bisher nicht eingelangt. Von der Verlegerin, die ihre Firma an einem Montagabend wie gewöhnlich gegen 19 Uhr verlassen hatte, fehlte jede Spur. Mittlerweile hatten auch die Medien Wind vom Verschwinden von Mona Ettinghaus bekommen und übertrafen sich gegenseitig mit den wildesten Spekulationen über ihr mögliches Schicksal. Doch nichts, was die Presse bisher erfunden hatte, reichte auch nur annähernd an die so viel grausamere Realität heran. 

Monas nackter, blutleerer Körper und der kahl geschorene Schädel ließen ihren Leichnam wie eine skurrile Schaufensterpuppe aussehen, die mit gespreizten Armen und Beinen an ein Andreaskreuz an der Wand gefesselt worden war. Der blasse, kahle Kopf hing leblos vorneüber und verbarg die tiefe Schnittwunde in der Kehle. Von den Körpersäften, die auf dem Fliesenboden des Kellers eine übel riechende Lache gebildet hatten, und den vielen Blutspritzern auf den weißen Wandfliesen war nichts mehr zu sehen, so sauber waren sie mit dem Wasserschlauch abgespritzt worden. Genauso sauber wie Monas penibel enthaarter Leichnam, den nie wieder jemand zu Gesicht bekommen sollte. Außer ihr geisteskranker Mörder, der sein perverses Ritual noch nicht zu Ende geführt hatte.

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Montag, 4. Juni

Clara Bodenstein saß in der Morgenmaschine der Air Berlin nach Palma de Mallorca, die den Flughafen Tegel mit über einer Stunde Verspätung verlassen hatte, und nippte an ihrem Tomatensaft. Warum sie ausschließlich beim Fliegen immer wieder die Lust auf diesen sämigen Gemüsedrink überkam, wie so viele andere Passagiere auch, war eines jener Rätsel, die wohl für immer ungelöst bleiben würden, überlegte sie, während sie den halb vollen Plastikbecher auf ihrem Klapptischchen abstellte.

Jan Decker hatte nur kurz gezögert, als sie ihm vor etwa drei Monaten von Jackies verlockendem Angebot erzählt hatte. Am Ende hatte er ihr sogar zugeredet, diese einmalige Chance wahrzunehmen. Schließlich waren sie auch noch überein gekommen, dass zwei der insgesamt vier Wochen ihres Aufenthalts auf Mallorca als Urlaub, die restlichen vierzehn Tage als geschäftlicher Auslandseinsatz zählen würden, zumal Clara Exklusivberichte von den Dreharbeiten für die UP! liefern würde. Die Tatsache, dass die nicht gerade als zimperlich verschriene Chefredakteurin des größten deutschen Klatschmagazins Jackie Benz’ Biografie schreiben würde, war in den letzten Wochen in den konzerneigenen Medien ausgeschlachtet worden, was die Auflagen erfreulicherweise gesteigert hatte. Clara hatte der Öffentlichkeit einen gewagten Blick hinter die glamourösen Kulissen der Filmbranche angekündigt, gespickt mit sehr persönlichen, amüsanten bis skandalträchtigen Anekdoten der Diva. Und sie plante ihr Versprechen zu halten, auch wenn sie damit den einen oder anderen Star ans Messer liefern würde müssen. Die sensationshungrige Klatsch- und Tratsch-gemeinde wartete jedenfalls schon begierig darauf, was oder besser wen sie da demnächst verschlingen würde.

Die einzigen Bedenken hatte Clara wegen Jackies berüchtigter Launen. Sie konnte mit Allüren nicht besonders gut umgehen, schon gar nicht, wenn sie diesen über einen längeren Zeitraum hinweg ausgesetzt war. Bisher war die Schauspielerin ihr gegenüber zwar stets freundlich, für einen Star ihres Kalibers beinahe pflegeleicht gewesen, aber wer wusste schon, wie das bei so enger Zusammenarbeit aussehen würde? Hoffentlich packte sie nicht ausgerechnet auf Mallorca ihre gefürchteten Zicken aus. Andererseits war Clara immerhin die Chefredakteurin der UP!, und die Benz lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass sie auch in Zukunft noch auf ihr Wohlwollen angewiesen war. Ohne Medien mochte sie vielleicht eine gute Schauspielerin sein, doch keine Celebrity, der ein Millionenpublikum zu Füßen lag. Schlussendlich bestimmte die Öffentlichkeit ihren Marktwert, und Jackie war seit jeher clever genug gewesen, sich mit der Journaille zu arrangieren. Auch mit Clara Bodenstein, der wahrscheinlich Gnadenlosesten von allen.

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